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Ab Ende 1944 hatte die Nazi-Propaganda die Behauptung einer „Alpenfestung“ verbreitet, was von den Alliierten zunächst für bare Münze genommen wurde. Dabei gab es für den Aufbau einer derartigen Anlage längst keine Ressourcen mehr. Die Abgelegenheit des Ausseer-Landes führte dennoch dazu, dass hier auf wenigen Quadratkilometern eine ungewöhnlich hohe Verdichtung historisch bedeutender Ereignisse stattfand.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann auch hier der Kurbetrieb zu florieren. Jüdische Intellektuelle wie der Schriftsteller Jakob Wassermann, Wissenschaftler wie Sigmund Freud und Konrad Mautner, Denkerinnen wie Theodor Herzl, Bertha Zuckerkandl und Eugenie Schwarzwald und viele andere richteten sich hier für ihre Sommerfrische ein. Natürlich wurden sämtliche jüdische Sommersitze arisiert und von ihren Eigentümern gestohlen. Und gekommen sind hochrangige Nazis, wie etwa drei Gauleiter: Konrad Henlein, Hugo Jury und August Eigruber hatten hier ihre Sommersitze. Die Kinder des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels wurden hier als sogenannte „Bombenfrischlinge“ untergebracht und gingen in Gößl am Grundlsee in die Volksschule. Auch die Familie von SS Obersturmbannführer Adolf Eichmann genoss die Idylle des Ausseerlandes, der älteste der Eichmann Söhne ging damals in Altaussee in die Schule. Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheits Hauptamtes, hatte seine schwangere Geliebte in Altaussee untergebracht.


Im Frühling 1945 fanden sich alle wieder hier ein, darunter die alten Freunde Eichmann und Kaltenbrunner, außerdem die SS-Offiziere Wilhelm Höttl und Otto Skorzeny. Die vier hatten sich als Österreicher in Berlin eng miteinander angefreundet. Bei der Vernichtung der ungarischen Juden 1944 waren Eichmann, Kaltenbrunner und auch Höttl in verschiedenen Rollen federführend bzw. beteiligt. Doch nicht nur Nazi-Kriegsverbrecher nutzten das Ausseerland als Rückzugsort. Seit Ende 1944 waren am Altausseer See auch die Exilregierungen von Rumänien und Bulgarien untergebracht, außerdem die rumänische Eliteeinheit „Eiserne Garde“ mit ihrem berüchtigten Führer Horia Sima. Dazu war noch der letzte Heustadl voll mit Bombenflüchtlingen aus den Städten und viele Hotels waren zu Lazaretts umfunktioniert worden.
Die europäischen Kunstschätze, die im Salzbergwerk von Altaussee versteckt waren, sind da ein eigenes abenteuerliches Kapitel, genauso wie der geplante Bestand für die „Führerbibliothek“ in Linz, die in der Villa Castiglioni am Grundlsee zwischengelagert wurde. Nicht vergessen werden darf natürlich ein dritter Schauplatz, der bis heute die Fantasien von Schatzsuchern anregt, die im Toplitzsee östlich des Grundlsees versenkten Kisten mit gefälschten britischen Pfundnoten in Millionenhöhen.


Quellen: Edith Hauer-Frischmuth, Gerechte unter den Völkern (Jad Vaschem), ORF III-
Doku, Kammerhofmuseum Bad Aussee: „1945 – Kriegsende am Schauplatz Ausseerland“,
Einander Kind (Roman von Barbara Frischmuth).


P. B.
Beirat für WPol im LV
Dezember 2025

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